D: “Die Reformation ist noch nicht vollendet”

Logo der Initiative Ökumene jetzt

EKD-Vizepräsident Thies Gundlach zur Initiative “Ökumene jetzt!”

Der theologische Vizepräsident im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Dr. Thies Gundlach, äußerte sich zum Manifest der Initiative „Ökumene jetzt“ am heutigen Mittwoch in Hannover:

„Es ist gut und wichtig, dass Christenmenschen die Initiative ergreifen und Kirche gestalten wollen, das entspricht der reformatorischen Tradition. Die beiden großen Erinnerungsdaten 500 Jahre Reformation und 50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil sind glänzende Gelegenheiten, die Ökumene mit neuem Schwung zu versehen. Die Bereitschaft, die in der Initiative „Ökumene jetzt“ geäußert wird, an der „Vorbereitung und Durchführung … zur Erinnerung und Würdigung“ der beiden bedeutsamen Jubiläen mitzuwirken, ist ein Angebot, das von evangelischer Seite aufmerksam und dankbar aufgenommen wird.

Web: Initiative “Ökumene jetzt”

Dafür spricht auch der innere Zusammenhang zwischen den beiden Daten, der mit Händen zu greifen ist: Martin Luther wollte seine Kirche reformieren und keine neue Kirche gründen. Dieses Anliegen konnte sich aus sehr unterschiedlichen, keineswegs nur rein theologischen Gründen nicht durchsetzen – so kam es zu Verwerfungen und Trennungen. Aber wie viel Schuld und Versagen im Blick auf das Handeln der Personen damals auch einzuräumen sind, 500 Jahre später ist deutlich, dass ohne die Impulse von Reformation und Gegenreformation der Weg zum Zweiten Vatikanischen Konzil ab 1962 nicht hätte gegangen werden können. Die theologischen Annäherungen zwischen dem Konzil und den reformatorischen Grundanliegen sind unübersehbar – aus Sicht der evangelischen Kirche sind sie der wichtigste Grund, warum beide Jubiläen auch gemeinsam gefeiert werden sollten.

Große Zustimmung findet auch die Überlegung der Initiative „Ökumene jetzt“, den weiteren Weg der Ökumene nicht allein in der Verantwortung von den Kirchenleitungen zu sehen, sondern daran zu erinnern, dass die Stärkung der Einheit eine Aufgabe aller Christinnen und Christen ist. Wir nehmen schon jetzt dankbar wahr, dass evangelische und katholische Christen sehr viel mehr verbindet als trennt. Doch muss auch daran erinnert werden, dass die theologischen Grundeinsichten für die Väter und Mütter der jeweiligen Konfession zentral und existentiell waren. Es ist gut, dass in ökumenischen Zusammenhängen – gleich ob in Kirchenleitungen oder an der Basis – nicht der Eindruck gefördert wird, Theologie sei gleichgültig, sondern dass über die theologischen Gründe für die unterschiedlichen Kirchenverständnisse immer wieder nachgedacht wird. Denn die Erkenntnisse der Reformatoren, etwa im Blick auf das Priestertum aller Getauften oder die Einladung zum Abendmahl an alle Getauften, sind auch heute noch so gewichtig, dass sie nicht übergangen werden sollten.

Die Reformatoren haben am Beginn des 16. Jahrhunderts ein anderes Bild von Kirche entwickelt, das sich auch heute noch an einigen zentralen Punkten von dem Bild der römisch-katholischen Geschwister unterscheidet. Aus evangelischer Sicht ist die Reformation noch nicht vollendet. Wir dürfen und sollen auf Gemeindeebene alles ökumenisch Mögliche und von beiden Seiten Gewollte nicht nur zulassen, sondern auch – ganz wie der Aufruf „Ökumene jetzt“ fordert – bestärken und durch kraftvolle gemeinsame Zeichen beleben. Aber grundsätzlich bleibt gültig: In ökumenischen Dingen so viel Tempo wie möglich, aber auch so viel Geduld wie nötig.“


 

Weitere Stellungnahmen:

D: Wichtiges Zeichen für eine lebendige Ökumene

Stellungnahme des Catholica-Beauftragten der VELKD zur Initiative „Ökumene jetzt – ein Gott, ein Glaube, eine Kirche“

Hannover. Am heutigen 5. September 2012 hat eine Initiative engagierter katholischer und evangelischer Christen eine Erklärung „Ökumene jetzt – ein Gott, ein Glaube, eine Kirche“ einen Aufruf zur Überwindung veröffentlicht.

Das Votum von Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber (Wolfenbüttel) im Wortlaut:

„Ökumene ist ein alter Hut, der keine Begeisterung mehr hervorbringen kann!“, „Angesichts des ausbleibenden ökumenischen Fortschritts lohnt es nicht, sich mehr für die Einheit der Kirchen zu engagieren!“ – So ist öfters zu hören. Umso mehr ist zu würdigen, dass sich heute 24 evangelische und römisch-katholische Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft mit einem Plädoyer für eine „Ökumene jetzt“ an die Öffentlichkeit gewandt haben. Leidenschaft und Ungeduld sind dem Aufruf anzumerken. Beides kann der Ökumene nur guttun. Daher ist die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) den Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichnern sehr dankbar, dass sie ein wahrnehmbares Zeichen wider alle Totsagungen der Ökumene gesetzt haben und für eine „gelebte Einheit im Bewusstsein historisch gewachsener Vielfalt“ werben.

Die Jubiläen zweier zentraler Weichenstellungen für die beiden Großkirchen in unserem Land werden in den nächsten Jahren begangen: 50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil und 500 Jahre Reformation. Beide Kirchen haben immer wieder betont, dass sie diese Ereignisse in ökumenischer Verbundenheit begehen wollen. Daher ist es zu unterstützen, dass die Initiative hier die Kirchen beim Wort nimmt und einfordert, dass „nach den Jubiläen nicht alles so bleibt, wie es vorher war“. So kommen die Unterzeichner zu dem Schluss: „Wir können und müssen die Sorge um die Einheit der ganzen Kirche nicht ruhen lassen, bis eine theologische Einigung über das Amts- und Abendmahlsverständnis zwischen den Kirchenleitungen erreicht worden ist.“

Allerdings bleibt der Aufruf eine Antwort schuldig, wie diese Einigung und das Ziel, „den gemeinsamen Glauben auch in einer Kirche zu leben“ konkret umgesetzt werden könnte: Wie viel Vereinheitlichung, wie viel Vielfalt ist angemessen? Können die Neuentdeckung des Evangeliums in der Reformation und die Erneuerung der Kirche durch das II. Vaticanum gemeinsam gewürdigt werden? Wie ist mit den Unterschieden, die es durchaus gibt, aber laut Aufruf keine Trennung mehr rechtfertigen, umzugehen? Ist es egal, welche Rolle Christinnen und Christen dem Papst oder Frauen im ordinierten Amt zuschreiben? Sollten Christen im Land der Reformation „in einer gemeinsamen Kirche leben“ notfalls auf Kosten der Gemeinschaft mit ihren konfessionellen Geschwistern außerhalb Deutschlands? Natürlich kann eine Textgattung, die auf Kürze und Prägnanz setzt, keine umfangreichen methodischen und theologischen Begründungen liefern. Doch ohne Präzisierungen in solchen Fragen bleibt zu befürchten, dass der Text in seiner Unbestimmtheit und Offenheit zwar von vielen Seiten Zustimmung finden kann, letztlich jedoch wirkungslos bleiben wird. Das wäre schade.

Dennoch ist es gut zu wissen, dass sich prominente Christinnen und Christen aus unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft mit dem Aufruf dazu verpflichtet haben, sich konstruktiv in die Feier der zwei anstehenden Jubiläen einzubringen und sicherzustellen, dass diese ökumenische Impulse setzen werden. Der Appell an die Kirchenleitungen, „die tatsächlichen Entwicklungen in den Gemeinden vor Ort so zu begleiten, dass die Ökumene nicht im Niemandsland zwischen den Konfessionen abwandert, sondern die Trennung unserer Kirchen überwindet“, gilt es zu hören, und ich bin gerne bereit, als Catholica-Beauftragter der VELKD mich dafür einzusetzen.


 

D: “Ökumene jetzt”: Ein Aufruf der Basis von oben

Interview mit Dr. Walter Fleischmann-Bisten, Leiter des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim, zur bevorstehenden Veröffentlichung des Dokuments „Ökumene jetzt“.

Herr Fleischmann-Bisten, was erwarten Sie von dem Aufruf „Ökumene jetzt“?

„Ökumene jetzt“ verdient in jedem Fall große Beachtung und dürfte eine breite Diskussion in Kirchen, Politik und Gesellschaft auslösen. Das ist gut, denn die ökumenische „Ungeduld“ von der der Mitunterzeichner Wolfgang Thierse sprach, ist nachvollziehbar. Die Unterzeichner verweisen ja deutlich auf die ökumenischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte und auf gute Kooperationen an der Basis. Auf diesem Hintergrund ist die Kritik am Stand der kirchenamtlichen und theologischen Prozesse verständlich.

Was motiviert die Erstunterzeichner?

Darüber steht uns keine Spekulation zu. Man liest aus dem Text aber deutlich die Enttäuschung und auch Trauer über noch nicht genutzte Chancen in der Ökumene. Nicht umsonst verknüpft er die Erinnerung an den Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils vor fünfzig Jahren mit der bevorstehenden Feier des fünfhundertjährigen Reformationsjubiläums 2017.

Kann man in diesem Zusammenhang denn noch von einer „Feier“ sprechen?

Die Reformation bedeutet für evangelische Christen die neue Justierung ihres Glaubens allein an der Heiligen Schrift – das ist eine Feier nun wirklich wert. Aber wir können und wollen auch gar nicht darüber hinwegsehen, dass das Datum 2017 auch die Geschichte von fünfhundert Jahren Spaltung der westlichen Christenheit markiert.

Hat sich die Theologie festgefahren im Bemühen, diese Spaltung zu lösen oder auch nur zu erklären?

„Ökumene jetzt“ erinnert ja gerade an nicht-theologische Ursachen, die neben theologischen Streitpunkten entgegen der reformatorischen Absicht schließlich zur Entstehung mehrerer Konfessionskirchen geführt haben. Das ist sicher richtig und vielleicht auch manchmal nötig, dass Menschen, die in Politik, Wirtschaft und Kunst in Verantwortung stehen, uns Theologen daran erinnern, dass es eben auch außertheologische Faktoren der Kirchen- und Theologiegeschichte gab und gibt. Und die Frage an uns besteht, ob diese außertheologischen Entwicklungen sich theologisch lösen lassen.

Was für Lösungen bietet „Ökumene jetzt“ denn an?

Ganz zu Recht bezieht sich „Ökumene jetzt“ zunächst auf die Taufe als das beidseitig anerkannte Band der Gemeinschaft mit Jesus Christus. Das Dokument verweist auf einschlägige Texte des Augsburgischen Bekenntnisses von 1530 und des Ökumenismusdekrets des Konzils von 1962-1965. Beide Texte, die für die jeweiligen Kirchen von allerhöchster Wichtigkeit sind, fordern die Verantwortung für das Streben nach der Einheit ein. Nur drücken die Erstunterzeichner, wenn ich das so sagen darf, ein bisschen auf die Tube, weil sie die Frage der Einheit nicht auf die lange Bank der theologischen Klärungen schieben wollen.

Was heißt das konkret?

Sie wollen mit einer Kircheneinheit nicht mehr warten, bis alle theologischen und lehramtlichen Klärungen, zum Beispiel über das Amts- oder Abendmahlsverständnis, vollzogen sind. Und sie wollen die geistliche Gestalt der Kirche auch sichtbar werden lassen. Was das aber konkret heißt, müssen Sie die Beteiligten fragen, nicht mich. Da bin ich genauso gespannt auf die Präzisierungen, die morgen sicherlich folgen werden.

Und das ginge so einfach?

Das sehen wir eben nicht, leider. Und das ist auch ein Schwachpunkt der Erklärung. Denn dass die seit 500 Jahren vorhandenen theologischen Kontroversen heute die Aufrechterhaltung der Trennung nicht rechtfertigen würden, ist eine steile These. Diese Fragen gehen ja an die Glaubenssubstanz der Gläubigen hier und da. Vielleicht fehlt uns aber auch nur die Phantasie, uns ein Modell organisatorischer Einheit vorzustellen. Gerade wenn man das aus römisch-katholischer Perspektive zu denken versucht, wird es schwierig, sich deutsche Lösungen im Kontext einer Weltkirche vorzustellen. Und vor nichts graut es Rom wie vor nationalkirchlichen Separatismen.

Würde das nicht Vieles lösen?

Nein. Nicht nur römisch-katholische Christen stehen in weltweiter Gemeinschaft. Auch die lutherischen und reformierten Kirchen haben starke internationale Verbindungen, deutsche Sonderwege sind deshalb mit Vorsicht zu genießen. Und dann darf in einem zweiten Schritt sicher gefragt werden, warum nicht auch die Ostkirchen und die evangelischen Freikirchen mit ihrem je besonderen ökumenischen Gewicht eingebunden sein sollen. Umso mehr darf man gespannt darauf sein, welche weiteren Absichten die Initiatoren mit ihrer Initiative auf dem Programm haben.

Und dann arbeiten Sie daran mit?

Wenn wir gebraucht werden – natürlich gerne! Der Vorstoß des Appells, dass wir als Christen im Land der Reformation in besonderer Verantwortung stehen, Zeichen für den gemeinsamen Glauben zu setzen, verdient volle Unterstützung. Und es ist beachtlich, wie sich diese Personen aus Sorge und Liebe um ihren Glauben über alle anderen Differenzen hinweg zu diesem Signal zusammengefunden haben. Wir haben im Konfessionskundlichen Institut schon immer ökumenische Basisinitiativen unterstützt – sie sind die entscheidenden Motoren der Ökumene, weil sie die echten Probleme und Schmerzen und Herausforderungen unmittelbar benennen.

Sie bezeichnen diesen Kreis akademisch, politisch und gesellschaftlich hoch angesehener Personen als “Basis”?

Aber natürlich. Basis ist doch keine Frage des Titels oder der Geldbörse. Basis bedeutet, dass hier Menschen aufrichtig und engagiert um die Kirchen und die eine Kirche streiten, die ihnen lieb und wert ist. Wenn Sie so wollen, eben eine “Basis von oben”.

Das Gespräch führte Alexander Gemeinhardt.

Hintergrund „Ökumene jetzt“
Am 5. September wird das Dokument „Ökumene jetzt – Aufruf engagierter Christen zur Überwindung der Kirchentrennung“ in Berlin vorgestellt. Im Nachgang zum Besuch Papst Benedikts XVI. in Deutschland (2011) verstärkte sich das Gespräch zwischen engagierten Christinnen und Christen, die nun als Erstunterzeichnete das Dokument präsentieren. Unter Bezug auf zwei bevorstehende Jubiläen von herausragender kirchengeschichtlicher Bedeutung wurden ökumenische Prozesse neu ausgeleuchtet; der 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Vatikanischen Konzils (2012) sowie das 500. Gedenken an den Beginn der Wittenberger Reformation mit dem Thesenanschlag Luthers am 31.10.2017 motivierten, „einen Beitrag zur Überwindung der Kirchentrennung zu leisten“.

Zu den Erstunterzeichnern gehören mit dem emeritierten Leipziger Pfarrer Christian Führer, dem emeritierten Theologieprofessor Günter Brakelmann und der ehemaligen Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer drei evangelische, mit Bundesministerin Annette Schavan und dem emeritierten Professor Otto Hermann Pesch zwei katholische Theologen. Andere Personen haben leitende Ämter in ihren Kirchen inne gehabt wie die ehemaligen Präsidenten des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker und der Mediziner Eckhard Nagel, der ehemalige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Staatsminister a.D. Hans Maier und dessen ehemaliger General- sekretär Friedrich Kronenberg. Norbert Lammert als Bundestagspräsident, Frank-Walter Steinmeier, Gerda Hasselfeldt und Wolfgang Thierse stehen in aktueller politischer Verantwortung. Thomas Bach als Präsident und Michael Vesper als Generaldirektor dienen dem Deutschen Olympischen Sportbund, mit Andreas Felger, Günther Jauch und Arnold Stadler sind Künstler, Medienschaffende und Schriftsteller vertreten.

Am 5. September 2012 wird „Ökumene jetzt“ in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt. Dieser Akt soll, so Mitunterzeichner, ein „ökumenisches Signal“ sein. Der Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts (MdKI) dokumentiert das Papier und wird weiter berichten.