
55. Europäische Tagung für Konfessionskunde in Bensheim
Die Frage nach Jesus ist sowohl in der Theologie als auch in der aktuellen Literatur hoch aktuell. Dabei ist die historische Frage nach Jesus von Nazareth von der theologischen nach Jesus Christus zu unterscheiden, aber letztlich nicht zu trennen. Die historische Frage bewegt sich im Rahmen und unter den Bedingungen der Geschichtswissenschaft. Die theologische Frage sucht in der Perspektive des Glaubens zu begreifen, wer Jesus wirklich ist.
Mit beiden Aspekten beschäftigte sich unter dem Titel „Die Konfession Jesu“ die 55. Europäische Tagung für Konfessionskunde in Bensheim vom 4. bis 5. März 2011. In hermeneutischer Perspektive wurde insbesondere nach dem Zusammenspiel der theologischen Disziplinen geforscht.
Thomas Söding, Professor für Neues Testament und Mitglied der Internationalen Theologenkommission des Vatikan, führte die über 40 Teilnehmenden der Tagung in den gegenwärtigen Stand der Jesusforschung ein. Dabei sei die Forschung „auf der Suche nach neuen Wegen“.
Aus systematischer Perspektive antworteten auf die Einführung Johanna Rahner (Kassel) und Joachim Ringleben (Göttingen). Rahner plädierte für eine neue Konstruktion der Christologie im Rahmen der Postmoderne: „Mit den anthropologischen Fragestellungen steht und fällt die Christologie.“ Ringleben entwickelte den Gedanken, dass man sich von Jesus sagen lassen müsse, wer Gott eigentlich sei. Wer ohne vorgefasstes Gottesbild die Verkündigung Jesu hört, wird „am Orte Jesu“ Gottes Werden und damit Gottes Zu-Sich-Selbst-Kommen in Christus vernehmen.
Aus exegetischer Sicht formulierte Martin Karrer (Wuppertal) Leistungen und Grenzen der Exegese für die Theologie. Jesus selbst hat keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Ein einziges Mal erzählt die Bibel von einem schreibenden Jesus; er schreibt in den Sand. Die Probleme der Quellenforschung, so Karrer, sind von Jesus selbst angeregt worden: wesentlich scheint die personale Begegnung zu sein.
Notger Slenczka (Berlin) sieht die Bedeutung des Jesusgeschehens dogmatisch darin, dass der Mensch hier ein neues Verständnis seiner selbst erlange. Besonders in den Paulusbriefen sei vorgeführt, wie die Offenbarung Jesu das Selbstverständnis des Menschen neu konstruiere: „Jesu Lebensvollzug hat einen Erschließungscharakter“.
Helmut Schwier (Heidelberg) zeigte in praktisch-theologischer Perspektive die Relevanz der Jesusforschung für Predigt und Unterricht in der Gegenwart auf. Im Blick auf die Predigt warnte Schwier vor zu unmittelbaren Umsetzungen exegetischer Erkenntnisse: „Verstehen führt schnell zu formelhaftem Reden“. Zentraler Inhalt der Verkündigung bleibt der dreieinige Gott. Kirche soll, so Schwier, „mehr Gott wagen!“
Die Tagung zeigte, dass Jesus von Nazareth nicht in historisch-biographischem Sinn zu rekonstruieren ist, sondern vor allem da interessant wird, wo es um die Bedeutung Gottes für den Menschen geht. Das Christentum kann Jesus von Nazareth nicht verabschieden, weil der Glaube an ihn als Ereignis Gottes in Zeit und Raum konstitutiv für den christlichen Lebensvollzug ist. Dabei spielen weniger konfessionelle Unterschiede eine Rolle als der sich wandelnde Stand exegetischer Forschung. Die bevorstehende Veröffentlichung des zweiten Bandes von Joseph Ratzingers (Benedikt XVI.) Jesus-Buch wird die Diskussion sicherlich weiter beleben.
Dr. Paul Metzger/ Alexander Gemeinhardt







