Featured, Germany|2011/05/25 12:55 pm

D: Mit Bach und Briefmarke

Traditional Tuesday

Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche Berlin. CC/Petter Duvander

Die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche plant ein buntes Festprogramm zum 50. Bestehen

Golden glänzt die Christusfigur im dunkelblau erleuchteten Kirchenraum. Immer wieder klicken Fotoapparate, surren Videokameras. Menschen zünden eine Kerze an, halten kurz inne, gehen eilig wieder heraus. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist eine der wichtigsten Touristenattraktionen Berlins: 1961 hatte der Architekt Egon Eiermann den modernen Betonbau neben die im Krieg zerstörte Kirchenruine gesetzt. In diesem Jahr feiert das Gotteshaus sein 50jähriges Bestehen. Und mehr als eine Million Menschen werden das Kirchenensemble bis Silvester besucht haben. Sie kommen zu Gottesdiensten ebenso wie zu Konzerten, nehmen an Kirchenführungen teil oder wollen einfach nur einmal innehalten vom allgegenwärtigen Trubel der Großstadt.

„Die Gedächtniskirche ist ein Ort, der für kirchenferne und kirchennahe Menschen gleichermaßen geöffnet ist“, sagt Pfarrerin Cornelia Kulawik. Die von einem deutschen Soldaten im Kessel von Stalingrad gezeichnete Madonnenfigur, das Kreuz aus den Nägeln der im Krieg zerstörten Kathedrale von Coventry und die große segnende Christusfigur ziehen die Menschen an. Ebenso wie das Frühstück für Wohnungslose oder die Kircheneintrittsstelle im benachbarten Foyer. Dazu kommen Konzerte des Berliner Bach-Chores, der als einziger Chor außerhalb von Leipzig regelmäßig alle vierzehn Tage eine Bachkantate aufführt und Gottesdienste zu Ereignissen wie der „Grünen Woche“ oder dem Berliner Marathon. Und wenn in Berlin ein Prominenter stirbt, wird das Gotteshaus häufig für Trauerfeiern gebucht: Von Harald Juhnke, Hildegard Knef und Klausjürgen Wussow nahmen Fans und Freunde in dem Gotteshaus am Kudamm Abschied.

Dabei war der Eiermann-Bau bei seiner Errichtung durchaus umstritten: Erst nachdem sich mehr als 90 Prozent der Berliner in einer Umfrage für einer Erhaltung des 1891 von Franz Schwechten erbauten, aber im Krieg zerstörten alten Turms als Mahnmal ausgesprochen hatten, änderte der Architekt die Pläne. Ein vierteiliges Gebäudeensemble aus Kirche, Turm, Foyer und Kapelle nahm den alten Turm in seine Mitte, rahmte ihn ein. „Von jeder Straße, die auf den Breitscheidplatz führt, sollte man auch etwas Neues sehen“, sagt der Münchener Kunsthistoriker Kai Kappel über den Entwurf. Ursprünglich wollte Eiermann weit radikaler bauen: Die Steine des alten Turms, in dessen Gedenkhalle im Erdgeschoss die Mosaiken der brandenburgischen Kurfürsten und preußischen Könige prangen, sollten nur als Fundament für die neue Kirche dienen. „Das war der Weg, mit dem Eiermann mit dem Erbe der Hohenzollern umgehen wollte.“

Bunt und vielfältig soll in diesem Jahr das Jubiläum des Kirchenbaus gefeiert werden. Schon zum Erntedankfest, dem 2. Oktober, sollen Handwerker eingeladen werden, die einst am Bau beteiligt waren, ehemalige Pfarrer und Mitarbeiter der Gemeinde. „Denn am Anfang soll der Dank stehen“, sagt Kulawik. Doch auch ein buntes Straßenfest auf dem Breitscheidplatz mit kostenfreier Erbsensuppe, die Herausgabe einer Sonderbriefmarke, eine Predigtreihe und zahlreiche Kirchenkonzerte sind geplant. Denn die Kirche ist auch Heimat des Berliner Bach-Chors, des nach eigenen Angaben einzigen Chores außerhalb von Leipzig, der im Zwei-Wochen-Rhytmus die Kantaten Johann Sebastian Bachs aufführt. Am 30. Oktober soll es deswegen einen großen Festgottesdienst im Stil der Zeit Johann Sebastian Bachs geben. Und am eigentlichen Kirchweihtag, dem 17. Dezember, folgt ein großer Festgottesdienst mit dem Berliner Landesbischof Markus Dröge.

Dazu soll es ein Architektursymposion geben, bei dem die Bedeutung der Kirche in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erörtert werden soll. Was angesichts der aktuellen Berliner Baupläne wohl auch nötig ist: Denn in Sichtweite der Kirche entsteht das 32 Stockwerke hohe Zoofenster, dass die Kirche zu überschatten droht. Und das ist nicht der einzige Wermutstropfen im Jubiläumsjahr: Während die Turmruine gerade saniert werden muss, weil die unter dem Breitscheidplatz rumpelnden U-Bahnen den Zement gelockert haben, droht der Kirche mit dem Betonpodest, auf dem sich die Bauten befinden, bereits das nächste Ungemach. Es auf Vordermann zu bringen, „wird ein Riesenthema“, sagt Pfarrer Martin Germer. Doch bevor die Gemeinde die nächsten Falten und Runzeln ihrer Jubilarin anpackt, soll nun erst einmal kräftig gefeiert werden.

Die Gemeinde im Internet: www.gedaechtniskirche.com


Benjamin Lassiwe ist freier Journalist in Berlin

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