D: Synoden: “Modellhaft für die moderne Demokratie”

Kirchentag in Unna der Westfälischen Kirche

In Unna feierte die westfälische Kirche mit 600 Personen ein besonderes Jubiläum

UNNA/WESTFALEN – „Evangelisch mit Leidenschaft“ – unter diesem Motto hat die Evangelische Kirche von Westfalen gemeinsam mit dem Kirchenkreis Unna am Samstag (18.6.) das 400jährige Bestehen ihrer demokratischen Struktur gefeiert. Dazu kamen zahlreiche Gästen aus Politik, Wissenschaft und Kultur, die mit insgesamt über 600 Teilnehmern aus ganz Westfalen einen kleinen Kirchentag feierten.

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft nannte den Aufbau der Kirche von unten nach oben „ein Markenzeichen, das wir alle mit Stolz tragen sollten“. 1611 tagte in Unna die erste westfälische Synode, eine von der Obrigkeit unabhängige kirchenleitende Versammlung. Zum Jubiläum wurde von verschiedener Seite betont, dass dieses evangelische Prinzip modellhaft für die moderne Demokratie gewesen sei.

Synoden stehen unter dem Wort Gottes

So bezeichnete der Jurist Dr. Gerhard Robbers die Synoden als Vorbilder und Modell für die Entwicklung der modernen Parlamente. „Ohne Christentum und ohne Kirche wäre Demokratie heute nicht, nicht so wie sie ist“, sagte Robbers, der an der Universität Trier Öffentliches Recht, Kirchenrecht, Staatsphilosophie und Verfassungsgeschichte lehrt. Der Gottesbezug im deutschen Grundgesetz bedeute: „Unsere Verfassung verwirft die Vorstellung, als könnte der Staat die totale Ordnung des menschlichen Lebens werden.“

Material
Web: Evangelisch mit Leidenschaft

Im Unterschied zu staatlichen Parlamenten stehen Synoden allerdings unter dem Wort Gottes, betonte Robbers: „Im demokratischen Staat ist das Volk souverän. In der Kirche ist Gott souverän.“ Synoden müssen nach seiner Überzeugung den Öffentlichkeitsauftrag der Kirche wahrnehmen. Das bedeute: Kirchen sollten ihre Botschaft verkündigen und sich am demokratischen Prozess beteiligen. „Dem demokratischen Staat tut Kirche gut“, sagte Professor Robbers.

“Kirche will Politik möglich machen”

Auch für Präses Dr. Alfred Buß ist die kritisch-konstruktive Begleitung demokratischer Entscheidungsprozesse eine evangelische Aufgabe. Die Kirche sei dazu durch ihren Auftrag legitimiert, die biblische Botschaft zu verkündigen. Sie habe folglich immer das christliche Verständnis vom Menschen und von der Welt auf die aktuellen Probleme zu beziehen. „Kirche will nicht Politik machen; sie will Politik möglich machen“, sagte der leitende Theologe der westfälischen Landeskirche. Dabei ergreife die Kirche nach biblischem Gebot Partei für die Armen, Schwachen und Benachteiligten.

Für öffentliche Räume, in denen die Diskussion drängender Fragen möglich ist, plädierte der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Dr. Reinhard Höppner. Solche öffentlichen Räume seien dringend notwendig, um Verdruss und Ohnmachtsempfinden gegenüber der Politik zu mindern. Synoden seien mit dafür verantwortlich, dass dieser Raum der offenen Diskussion entstehen kann.

Auch Nordrhein-Westfalens stellvertretende Ministerpräsidentin und Schulministerin Sylvia Löhrmann unterstrich die demokratische Bedeutung von Bürgerbewegungen und -initiativen. Hier seien die neuen Möglichkeiten der Kommunikation durch das Web 2.0 wie Facebook oder Twitter „eine Bereicherung für die parlamentarische Demokratie“. Ziel sei immer, die Bürger an laufenden Diskussionsprozessen zu beteiligen, bevor eine Entscheidung gefallen ist.

Markt der Möglichkeiten und Workshops

Auf dem Unnaer Marktplatz präsentierten sich 16 Gruppen, Institutionen und Initiativen aus der westfälischen Kirche – von der Diakonie bis zur Notfallseelsorge, vom Pädagogischen Institut bis zu den Ahauser Christinnen und Christen gegen Atommülltransport. In Workshops befassten sich die Teilnehmer mit alltäglichen und grundsätzlichen Fragen des kirchlichen Lebens.

„Der Kirchenkreis Unna war gerne Gastgeber, es hat uns Spaß gemacht, und unsere Erwartungen wurden erfüllt“, sagte Superintendentin Annette Muhr-Nelson. Die Chefin des Kirchenkreises wünscht sich, „dass von diesem Tag viele Anstöße ausgehen, Verantwortung in der Kirche und für die Kirche zu übernehmen“.