HU: Der lebendige Fisch der Kirche muss auch gegen den Strom schwimmen

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Bishop Dr Tamás Fabiny (l.). ©LWF/H.Putsman Penet

Bischof Dr. Tamás Fabiny im Gespräch

Das neue Kirchengesetz ist zum 1. Januar 2012 in Kraft getreten. Nach einigem Durcheinander sind nun vierzehn Konfessionen vom Parlament offiziell als „Kirchen“ registriert. Warum war eine Regelung notwendig geworden? Wie sieht Bischof Dr. Tamás Fabiny die Regierung? Und wie steht es um die Solidarität mit den kleinen Kirchen? Auf diese und weitere Themen des vergangenen Jahres blickt Bischof Dr. Fabiny im Gespräch mit Sándor Faggyes zurück. Ein Auszug aus dem Gespräch mit Magyar Hírlap sei im Folgenden wiedergegeben.

Was sagen Sie dazu, dass das im Juli beschlossene Kirchengesetz rund zwei Wochen vor seiner Inkraftsetzung von der Regierungsmehrheit außer Kraft gesetzt wurde und am letzten Arbeitstag des Jahres 2011 inhaltlich praktisch unverändert doch wieder beschlossen wurde? Damit gibt es nach offizieller Gesetzeslage mit Wirkung vom 1. Januar nur noch vierzehn statt mehr als 300 offiziell anerkannte Kirchen. Was wäre Ihrer Ansicht nach die optimale oder reale Anzahl?

Bisher war die Regelung zu liberal und führte zu erheblichem Missbrauch. Wenn man einhundert Leute zusammenbekam, konnte man schon eine Kirche gründen. Die finanzielle Unterstützung – die sogenannten Normativen –, die den Kirchen zuteil wurde, waren attraktiv. So lief beispielsweise ein Tierheim offiziell unter dem Begriff „Kirche”. Und in einem anderen Fall wurden Fahrradketten als Devotionalien geführt.

Eine Neuregelung war also notwendig. Doch die gegenwärtige Regelung ist das andere Extrem. Die gegenwärtige Verengung betrifft ja noch nicht mal vierzehn Konfessionen, sondern eigentlich nur acht, da fünf orthodoxe und drei jüdische Gemeinschaften als Kirchen anerkannt wurden.

Bestimmte Politiker, die kleinen Kirchen nahestehen, sowie linksliberale Medienvertreter haben nicht nur die Regierungsparteien, sondern auch die geschichtlichen Kirchen scharf kritisiert, dass sie zu dem neuen Gesetz ihren Namen gegeben haben und aus Eigennutz keine Solidarität mit denen üben, die im „privilegierten” Kreis fehlen. Sind Sie nun zwischen die Fronten geraten?

Als Sachverständige waren wir tatsächlich Teil jenes Prozesses, in dem die neuen rechtlichen Ordnungen vorbereitet wurden. Doch die gemeinsam erarbeitete Version wurde im letzten Augenblick ohne Rücksprache mit den Kirchen maßgeblich verändert. Damit haben auch wir den Text des beschlossenen Gesetzes überrascht zur Kenntnis genommen.

Ich selbst habe mit Skepsis wahrgenommen, dass das Parlament berechtigt ist über den Eintrag von Kirchen zu entscheiden, da dies die ganze Sache unvermeidlich durchpolitisiert. Noch vor dem Rückzug des Gesetzes vor Weihnachten und des kürzlichen Neubeschlusses schrieb die Leitung der reformierten und der evangelisch-lutherischen Kirche einen Brief an den Fraktionsvorsitzenden János Lázár (Fidesz) mit der Bitte um Erweiterung des Kreises der registrierten Kirchen.

Sorgt nicht gerade das für viel Unruhe, Medienkrawall und mehrfache Angriffe, dass bei der allgemeinen Einschätzung einzelner Konfessionen kirchliche und politische Aspekte und Interessen vermischt werden?

Gott schütze die Kirchen davor, dass Parteien nach eigenem Geschmack und Gutdünken Unterschiede zwischen ihnen machen. Das ist nicht Aufgabe der Politik. Weder rechte noch linke Politiker können Kirchen klassifizieren. Ich muss nicht mit jeder Kirche einverstanden sein, aber deshalb ziehe ich doch noch nicht ihr Recht in Frage, bestehen und öffentlich lehren zu dürfen. Selbiges denke ich über die bei uns bestehenden Gemeinschaften der Weltreligionen, etwa über die Muslime oder die Buddhisten.

Stimmt es nicht, dass die geschichtlichen Kirchen beim neuen Mediengesetz die Schotten dicht gemacht haben, um so die Kleinkirchen und die nach der politischen Wende gegründeten neuen Konfessionen in den Hintergrund zu drängen?

Seien wir selbstkritisch: Die geschichtlichen Kirchen haben weitgehend geschwiegen. Sie haben nicht die Schotten dicht gemacht, sondern sie haben über sich ergehen lassen, was mit ihnen geschehen ist. Sie haben ihre Hand erhoben und gesagt, dass hier Dinge geschehen, an denen sie keinen Anteil haben. Ich halte es für ein großes Problem, dass die Regierung nicht sachlich mit den Kirchen konsultiert. Zugleich möchte ich jedoch nicht, dass wir durch unsere diesbezüglich formulierte Unzufriedenheit mit nach unserer Ansicht in Misskredit befindlichen politischen Kräften auf eine Bühne kommen.

Ist nicht die Tatsache, dass die Regierungsmehrheit schlussendlich nicht die mit den Kirchen vereinbarte Gesetzesvorlage beschlossen hat, gerade dafür ein Beleg, dass die auf der linken Seite bis heute verpönte Verflechtung zwischen dem Staat und den geschichtlichen Kirchen gerade nicht besteht?

Religion und Politik vermischt sich schon manchmal, vor allem in der öffentlich Rhetorik. Aber weniger seitens der Kirchenvertreter als der seitens der Politiker. Ich kann mich in der politischen Darstellung von Christentum nicht wiederfinden. Übrigens sagte ich noch in der Zeit der sozialistischen Regierung in einer Radiosendung, dass ich es erwarte, der Kritiker einer bürgerlichen Regierung zu sein. Damit habe ich Farbe bekannt, was meine politische Sympathie betrifft. Doch zugleich habe ich auch darauf hingewiesen, dass die Kirche der bürgerlichen Regierung ein ebenbürtiger und unabhängiger Partner sein will – im Zeichen der kritischen Solidarität. Die Kirche ist dabei freilich nicht der natürliche Verbündete einer einzigen Partei oder der Regierung, sondern für den Bund muss man auf beiden Seiten arbeiten und dabei gegenseitig Freiheit und Selbstständigkeit respektieren.

Christen haben es auch deshalb schwer, sich zu Wort zu melden, weil sie zumeist gegen den Strom schwimmen müssen. Sie stimmen häufig der Mehrheit und der Macht gegenüber kritische Töne an, was für die Leiter der geschichtlichen Kirche nicht gerade ein Charakteristikum ist.

Ich stehe zu dem, was die Apostel Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat sagten, als sie zur Verantwortung gezogen werden sollten: „Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ Gerade deshalb habe ich Gewissensbisse, denn als das Gesetz erlassen wurde, mit dem Obdachlose kriminalisiert wurden, habe ich meine Stimme nicht erhoben. Und das, obwohl das Gesetz teils überflüssig, teils undurchführbar und allem voran unmenschlich ist. Natürlich muss irgendeine Lösung gefunden werden, damit Menschen nicht auf der Straße und öffentlichen Plätzen leben, schlafen und ihre Notdurft verrichten müssen. Aber die Wegschließung von Obadachlosen und Geldstrafen sind falsch. Es müsste entsprechende Unterbringungen geschaffen werden, wohin diese Menschen ohne Angst gehen können.

Es wäre gut, wenn die Kirche nicht als toter Fisch mit dem „Hauptstrom“ geschwemmt wird, sondern als lebendiger Fisch auch gegen den Strom schwimmt.

Deutschsprachiger Nachrichtendienst der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn
4. Jahrgang, 1. Ausgabe, September 2011 – Januar 2012
Verantwortlicher Redakteur: Holger Manke (nachrichtendienst@lutheran.hu) in Zusammenarbeit mit Bischof Dr. Tamás Fabiny und Dr. Klára Tarr-Cselovszky