HU: Wir dürfen Hass im Namen des Christentums nicht zulassen!

 HU: Wir dürfen Hass im Namen des Christentums nicht zulassen!

Bischof Fabiny, www.evangelikus.hu

Bischof Fabiny über die Vorfälle in Gyöngyöspata

Gyöngyöspata, ein ungarischer Ort von rund 2.800 Einwohnern, hat es zur Osterzeit zu unrühmlicher Bekanntheit in den deutschen Medien gebracht. Von Zusammenstößen zwischen Rechtsextremisten, die in den Ort gekommen waren, und Romas war zu lesen. Letzteren blieb laut Medienberichten schließlich die Flucht: Rund 300 Angehörige der Minderheit haben ihre Heimat Gyöngyöspata verlassen. Und Gyöngyöspata ist nur die Spitze des Eisberges. Was hat die Kirche in jener Situation zu tun, die in einzelnen Orten entstanden ist? Wie steht sie dazu, dass manche Rechtsextremisten gar im Namen des Christentums zu handeln vorgeben? Und was ist überhaupt in Gyöngyöspata geschehen?

Gerade die zuletzt gestellte Frage scheint die am leichtesten zu beantwortende zu sein. Und dennoch liegt hier vieles im Dunkeln. So war in der konservativen Wochenzeitung „Heti Válasz“ zu lesen, dass die in den Medien häufig als solche bezeichnete „Evakuierung“ womöglich eine Art organisierter Osterausflug für Mitglieder der Minderheit war. Auch gibt es Vermutungen über Finanzquellen für diese Aktion – aber nichts davon ist bislang so recht belegt.

Ein Beitrag der Internetzeitung Inforádió besagt, dass 267 Frauen und Kinder aus Gyöngyöspata nach Csillebérc und Szolnok gefahren wurden, nachdem die Organisation „Véderı“ (Schutzkraft) einen mehrtägigen Kurs zum Thema Landesverteidigung ausgeschrieben hatte. Zwei Tage nach Beginn des Kurses sei es in Gyöngyöspata – offenbar in Abwesenheit der Frauen und Kinder – zu Massenschlägereien zwischen Mitgliedern der „Véderı“ und den Romas des Ortes gekommen.

Die Regierungspartei Fidesz hat laut Angaben von Inforádió indessen einen Ausschuss einberufen, der aufklären soll, was in Gyöngyöspata geschehen ist, so etwa die Umstände der Abreise von Roma- Angehörigen Ende April. Es sei zu prüfen, wer – und mit welchem Ziel – an der Finanzierung, Organisation und Durchführung dieser Reisetätigkeit bzw. der Organisation „Véderı“ beteiligt ist. Zoltán Balog, der für Minderheiten zuständige Staatssekretär, bringt die Geschehnisse vor den Arbeitskreis des Menschenrechtsrates ein. Die Geschehnisse von Gyöngyöspata sind aufzuklären.

Dennoch bleibt die Frage bestehen, was die Kirche in jener Situation zu tun hat, die in einzelnen Orten entstanden ist – nicht zuletzt, da sich immer wieder auf das Christentum berufen wird. Der evangelischlutherische Bischof Dr. Tamás Fabiny stand András Kósa von der Onlinezeitung Hírszerzı Rede und Antwort. Und wir geben im Folgenden Grundzüge dieses Gesprächs wieder. „Wer sich als Mitglied irgendeiner Garde oder im Namen irgendeiner extremen Gruppierung auf das Christentum beruft, dem teile ich mit: Denkt gründlich darüber nach, ob für Gehässigkeit Platz ist im Christentum“, so Bischof Fabiny, der in dieser Frage auch einen gewissen gesellschaftlichen Druck sieht:

„Viele haben Angst und fühlen sich nicht sicher – besonders in kleineren Ortschaften. Dieses unsichere Gefühl nutzen manche aus, denen nichts heilig ist und die zudem noch ihren trüben Ideologien einen christlichen Helm aufsetzen. Das entrüstet mich zutiefst.“ Ähnliches sei auch bei Anhängern einzelner neuheidnischer Ideologien zu spüren. Dies habe die Kirche ebenso wie den im Namen des Christentums ausgeübten Hass von sich zu weisen. – Eine Haltung für die Bischof Dr. Tamás Fabiny, nachdem er darüber beim ungarischen Fernsehsender Duna TV sprach, mehrere Drohungen und Hassbriefe erhielt.

Dr. Tamás Fabiny ist Bischof des nördlichen Kirchenbezirks, zu dem auch arme Dörfer der Regionen Heves, Nógrád, Szabolcs und Borsod gehören. Die Probleme kennt er daher aus erster Hand: „Ich sehe die Armut, ich sehe, dass ältere Menschen Angst haben, weil es sehr ernste Probleme in diesen Gegenden gibt. Es wird viel gestohlen und eingebrochen. Auch kommt es oft vor, dass der Opferstock aufgebrochen wird. Was jetzt in Gyöngyöspata, Hajdúhadház und anderen Ortschaften geschieht, ist eine sehr schlechte Antwort auf ein bestehendes gesellschaftliches Problem.“

Die Übergriffe in Gyöngyöspata fanden zudem ausgerechnet an Karfreitag statt, sodass – nicht nur in den unmittelbar betroffenen Orten – auch dieser kirchliche Feiertag und das Ostergeschehen nicht mehr wirklich in seiner Bedeutung gefeiert werden konnten.

Zur Frage, was die Kirche in dieser Situation zu tun habe, gibt Bischof Fabiny zu bedenken, dass man zu allererst für die Verfolgten und die Schwachen einstehen und so mit gutem Beispiel vorangehen und in der Gesellschaft wirken muss. So hatte die evangelisch-lutherische Kirche bereits nach dem Mord von Tatárszentgyörgy einen Gedenkgottesdienst veranstaltet, zu dem auch viele Romas gekommen waren und über dem das Bibelwort aus dem Römerbrief „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ stand.

Als Beispiele positiven Wirkens für gesellschaftlich benachteiligte Menschen führt Bischof Dr. Tamás Fabiny die Frauenhäuser in Gödöllı und Nyíregyháza an, die vielen Roma-Frauen, die keine andere Zuflucht haben, einen Ort der Sicherheit bieten. Darüber hinaus erwähnt Bischof Fabiny Fort- und Ausbildungen für Jugendliche in Gegenden mit einem hohen Anteil an sozial benachteiligten Menschen. Gemeinsam mit den Jesuiten, den Griechisch-Orthodoxen und den Reformierten baut die Evangelisch- Lutherische Kirche in Ungarn ein Netz von Wohnheimen auf. „Es ist wichtig zu betonen, dass Romas und Ungarn in Frieden nebeneinander leben können – wie es ja auch in unseren Wohnheimen und Frauenhäusern der Fall ist. Dort ist es ganz selbstverständlich, dass sie miteinander leben und miteinander arbeiten. In Nyíregyháza haben wir ein Obdachlosenheim, wo eine Roma als Sozialarbeiterin tätig ist, die unlängst noch selbst auf der Straße lebte“, so der Bischof. „Dafür ist es freilich auch vonnöten, dass sie nicht gegeneinander aufgebracht werden.“